2.

Leider sind im letzten Jahr die verdienten Musiker

Mike Granowski (The Black Shadows u.a.) aus Aurich und

Norbert Opolka (The Shooting Stars, The Eccentrics u.a.) aus Oldenburg

verstorben.

Sie werden in ihrem Wirken immer in unserer Erinnerung bleiben. 

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen und Freunden.

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1.

Mein Vortrag im Schlossmuseum Jever anlässlich der Ausstellung "Break On Through..." zum Thema "Jugendkultur und Beatmusik" am 1.November 2007 hier im Wortlaut:

Shakin' All Over, dieses Motto hängt über den 60ern wie ein Stern am Firmament. Wolfgang Michels hat es übersetzt mit "Alles ist am Zucken", und das ist wahrscheinlich eine adäquate Beschreibung des Zustands der Jugend in der so genannten Beatära. Plötzlich waren die Säle der Gaststätten voll mit Jugendlichen, die Verrenkungen machten, welche die Tanzlehrer als Tanz nicht akzeptieren wollten. In den Kneipensälen fanden anstelle der Feiern des örtlichen Schützenvereins oder der Jahreshauptversammlung der freiwilligen Feuerwehr Jugendtanzveranstaltungen statt, zu denen die Wirte exotisch anmutende Kapellen engagiert hatten und bei denen illustre Gäste geladen waren (gegen Eintrittsgeld natürlich). Bei 150 Sitzplätzen wurden 700 zahlende Gäste registriert. Offensichtlich war die deutsche Jugend von einem Fieber befallen. Die Eltern waren konsterniert und schlugen die Hände über dem Kopf zusammen.

 

Was war passiert?  Seit Ende 1962 waren die Beatles über die Welt gekommen und faszinierten innerhalb kürzester Zeit Millionen von Teenagern. Eine Welle der (zunächst) Beatles-Begeisterung ging um den Globus, die darin ihren Höhepunkt fand, dass im April 1964 fünf Beatles–Singles die ersten fünf Plätze der amerikanischen Hitparade belegten:  Can't Buy Me Love, Twist & Shout, She Loves You, I Want To Hold Your Hand und Please Please Me. Zusätzlich waren sechs weitere Beatles-Singles in der Top 100: I Saw Her Standing There (31), From Me To You (41), Do You Want To Know A Secret?
(46), All My Loving (58), You Can't Do That (65) und Roll Over Beethoven (68). Danach ist in der Popmusik nichts mehr, wie es einmal war. Ich wage zu behaupten, dass allein durch die Beatles diese Euphorisierung der jugendlichen Musikkonsumenten bewirkt wurde. Man mag anmerken, dass es parallel zu den Beatles genügend Gruppen gab, die einen ähnlichen Weg beschritten, aber ich unterstelle, dass bei den Beatles die Komponenten zusammentrafen, die eine weltweite Identifikation durch Ansprechen der jugendlichen Bedürfnisse, Sehnsüchte und Vorlieben erst ermöglichte. 

 

Was dort aus Liverpool und bald auch aus anderen englischen Städten auf die BRD niederregnete, sollte nicht allein Faszination bleiben, sondern bald zu einer tiefgehenden Inspiration gedeihen. Plötzlich gab es Tausende von Beatbands, die um Aufmerksamkeit und Gehör buhlten. Wenn ich für die Bundesrepublik mal 25.000 sage, so ist das sicherlich nicht zu hoch gegriffen, sondern eher untertrieben. Für die deutschen Beatbands war weitgehend Nachahmung angesagt, und im Schnitt hinkte man den Briten und Amerikanern um ein Jahr hinterher, auf dem Lande mögen es auch zwei gewesen sein. Ich erinnere an dieser Stelle daran, dass es 1965 in New York bereits John Cales und Lou Reeds Velvet Underground und in Los Angeles The Mothers of Invention gab, die ungleich kontroverseres Songmaterial im Programm hatten. Unter deutschen Bands war man in der Regel nicht einmal informiert, dass vieles von dem, was Beatles, Rolling Stones u.a. anboten, aus dem amerikanischen Rock 'n' Roll, dem Girl-Group-Sound oder von schwarzen Blues- und Rhythm-&-Blues-Musikern übernommen war. In Deutschland fehlte durch den 2. Weltkrieg eine ganze Musikergeneration und auch eine entsprechende musikalische Entwicklung, auf der man hätte aufbauen können. Der deutsche Rock 'n' Roll war wirklich nichts, was als Grundlage hätte dienen können.

 

Bald gab es an jedem Gymnasium im Schnitt zwei konkurrierende Bands, die Lehrlinge wollten da nicht zurückstehen und die Realschüler auch nicht. In Kleinstädten mit 25.000 Einwohnern machten sich sechs oder sieben Bands mehr oder weniger erfolgreich Konkurrenz, und auch auf den Dörfern fanden sich schnell vier Gleichgesinnte, um in die Saiten zu greifen und sozusagen die Fahne hoch zu halten und zu sagen: Hier! Uns gibt es auch. Es ist nicht vermessen, wenn ich behaupte, dass es dermaßen viele in Kapellen organisierte, musizierende Jugendliche vor und nach dieser Ära nicht gegeben hat, und ich sehe auch nicht, dass sich das in der Zukunft ändern sollte. Und: Diese Bands konnten nur existieren, weil es ein Publikum gab, welches sie hören wollte. Anders als bei der klassischen Musik oder späteren Rockmusik, macht Beat keinen Sinn, wenn er nicht auf der Bühne präsentiert und von Zuhörern rezipiert und betanzt wird. Die Beat-Band "vermag nur so lange und in soweit  Kernzelle einer größeren 'in-group' darzustellen, wie die weiteren Zellen [d.h. die verschiedenen Gruppen von Beatfans] es wollen"[1].


Man mag den Erfolg der Beatmusik ihrer Einfachheit zuschreiben, denn sie kam primär mit 3 Akkorden aus. Doch dies ist zu kurz gegriffen, obwohl die leichte Erlernbarkeit sicherlich ein wichtiges Element war. Als sich in den Mittsiebzigern in Reaktion auf hochkomplex musizierende Bands wie Emerson, Lake & Palmer, Yes, Pink Floyd usw. der Punk als Gegenbewegung organisierte, so war ich damals geneigt, ihm vorab die gleiche Breitenwirkung wie der Beatmusik vorauszusagen, denn auch der Punk machte es möglich, mit rudimentären musikalischen Fertigkeiten eine Band auf die Beine zu stellen. Allein, es kam anders, und das Punkmovement blieb eine Minderheitenbewegung – es kam aus der Nische nicht heraus, es blieb eine Subkultur.  Nach der Definition von Rolf Schwendtner ist "Subkultur ein Teil einer konkreten Gesellschaft, der sich in seinen Institutionen, Bräuchen, Werkzeugen, Normen, Wertordnungssystemen, Präferenzen, Bedürfnissen usw. in einem wesentlichen Ausmaß von den herrschenden Institutionen etc. der jeweiligen Gesamtgesellschaft unterscheidet.“[2]


Das Beatmovement gehört nicht der Subkultur zugeordnet, es bildet etwas, was man in der Soziologie 'Teilkultur' nennt, denn in wesentlichen Bereichen unterschieden sich die Jugendlichen in ihren Wertmaßstäben, Ordnungssystemen und Bedürfnissen nicht von der gesellschaftlichen Norm. Sie unterschieden sich weitgehend allein in ihren Bräuchen.

 

Versuchen wir nun einmal das Wesen des Beatfans zu beleuchten.

1964 haben erst 34% aller Jugendlichen Musikveranstaltungen besucht[3], und dieser Prozentsatz hat sich auch bis 1966 kaum erhöht: während 1966 ca. 65% der Jugendlichen unter 20 Beatmusik hören[4], dabei meistens in den eigenen vier Wänden oder bei Freunden, gehen nur 37,2% zu Beatveranstaltungen[5], gemäß einer Allensbach-Untersuchung gar nur 21%[6]. Interessant ist in diesem Fall, dass die statistisch prozentual größte Gruppe aus der Gruppe der sozial unangepassten Jugendlichen kommt, jene Jugendlichen, die der Fürsorge unterstellt sind, bzw. in Heimen aufwachsen[7]. Darauf werden wir noch zurückkommen.  

 

In den Elternhäusern wird, wenn man nicht der klassischen Musik zugeneigt ist, weitgehend Schlagermusik konsumiert. Fred Bertelmann, Ralf Bendix, Cornelia Froboess, Gerhard Wendland, Freddy Quinn und ähnliche bestimmten die Hörgewohnheiten – unter ihnen gelegentlich dunkelhäutige Exoten wie Billy Mo oder Max Kutta. Wem Billy oder Max gar zu exzentrisch erschien, mochte seine Weltoffenheit mit Vico Torriani, Caterina Valente, Bobbejaan oder Jan & Kjeld unter Beweis stellen. Wenn ein Jugendlicher sich hiervon lossagen wollte, dann war räumliche Distanz ein probates Mittel - ab in den Beatschuppen, dahin würden die Eltern eh nicht folgen.Und wenn er dann noch andere Kleidung trug und sich die Haare wachsen ließ, war die Abgrenzung schon erfolgt. Der Aspekt des längeren Haars ist für die Jugendlichen von außerordentlicher Bedeutung, er bedeutete sozusagen die Eintrittskarte für das Dazugehören. Wollte man das Bild abrunden, so trug man zunächst Jeans, dann Schlaghosen – mit Schlitz, Kellerfalte und Kettchen oder stufig – später wieder eng und möglichst kariert, zum Schluss wurde der Parka aktuell. Man merkt, dass die Kleidung modischen Gesichtspunkten unterworfen war, wobei modische Aspekte für Menschen in einem gesicherten ökonomischen Umfeld immer Mittel der Selbstdarstellung waren.

 

Kurzum: Ein großer Teil der Jugendlichen hört nicht nur eine andere Musik, die er gegen die Erwachsenen verteidigen muss, sondern trug die Haare lang und die Röcke kurz. Damit verstießen die JUgendlichen ganz entschieden gegen zeitgenössische Konventionen. Die Argumentation, dass Beethoven ja auch lange Haare getragen habe und man solle sich mal Ludwig XIV ansehen, zog bei den Erwachsenen nicht. Allerdings muss man konstatieren, dass auf dem Lande die Kürze des Rockes nicht die Qualität wie in den städtischen Ballungsräumen aufwies. Umgekehrt proportional verhielt es sich mit der Länge der Haare. Ähnlich aber sind die Reaktionen der Erwachsenen. Wo es in Frankfurt 5 cm, in Berlin 10 cm bis zum Zornesausbruchs des Vaters bedurfte, reichte 1 cm in Aurich.

 

Interessant ist, dass das Problem der Langhaarigkeit ein vor allen Dingen deutsches Problem war. In den Niederlanden, in Schweden oder in Großbritannien – ich greife hier nur drei Beispiele heraus – war Langhaarigkeit kein Problem. In Deutschland dagegen wurden Langhaarige oft gewaltsam dem Frisör zugeführt. Es mag sein, dass dies noch Konventionen waren, die aus der Epoche stammten, die der Bundesrepublik voranging und die ja in vielen Köpfen damals noch nicht überwunden war. Auch der kurze Rock konnte nicht mit dem Verweis auf die 20er Jahre legitimiert werden. Aber lassen Sie uns an dieser Stelle nicht in die Motive der Erwachsenen abschweifen, denn uns soll es vordergründig um die Jugendlichen selbst gehen.

 

Es ist oft betont worden, dass die Epoche des Beat die Zeit der Befreiung der Jugendlichen von ihren Elternhäusern und die Zurückweisung vieler, von den Erwachsenen für die Jugend als sinnvoll erachteten, Bildungs- und Erziehungselemente war. Für die Bundesrepublik muss konstatiert werden, dass es Mitte der 60er Jahre – und auf diese beziehe ich mich in diesem Vortrag – zwei gegensätzliche Gruppen unter den Jugendlichen existierten, ich nenne sie mal WIR und DIE ANDEREN. Die einen waren jene jungen Menschen, die sich in die Beatszene einordneten, die anderen waren jene, die weiterhin nach den Maßgaben des Elternhauses lebten, sich gutbürgerlich im Streichquartett hervortaten oder sich bodenständig demSchifferklavier verschrieben hatten, sofern sie denn musizierten. Musizierte man nicht, so definierte sich die Divergenz über das Aussehen und die Hörgewohnheiten Musik betreffend. Während man in England die Wahl hatte sich unter Mods, Rockern, R&B-Fans usw. einzuordnen, gab es in Deutschland quasi nur ja oder nein.


Aber auch die Beatszene, die 'Wir-Gruppe', war in sich nicht geschlossen, sondern teilte sich in die Unangepassten und die eher
Angepassten. Letztere nennt Tom Klatt im Buch Beatgeschichte(n) im Revier "unsere Feinde"[8]. Das waren eben jene Jugendlichen, die zwar den Beat konsumierten, seine ästhetischen Ausprägungen aber nicht mitmachen wollten oder durften, und deshalb ganz konventionell und bieder im Anzug oder im Konfirmationskleid erschienen.


Eine Ausnahme soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, denn es existiert allerdings eine dritte Gruppe - und nun betreten wir den Bereich der echten Subkultur: die Gammler. Sie entzogen sich den Konventionen nahezu völlig. Ab 1965 trat dieses Phänomen auf und die Zahl der heimatlos auf den Straßen herumziehenden Gammler oder Beatniks war nicht unerheblich. Genaue Zahlen für die Jahre 1965 und 1966 liegen nicht vor, doch Walter Hollstein nennt für das Jahr 1967, als die Welle ihren Höhepunkt bereits überschritten hat, 6000 Gammler für Westdeutschland, 2500 für Österreich, 7000 für Italien, 18000 für England, 20000 für Holland, 26000 für Frankreich und 30000 für die skandinavischen Länder.[9]

 

Diese Jugendlichen hatten mit Arbeitsleben, konventionellem Gelderwerb und traditioneller Lebensform, die sich in Besitz und Familienbindung manifestierte, gebrochen. Sie artikulierten ihre Abneigung gegen die gesellschaftlichen Bedingungen deutlich. Sie waren ausgesprochen pazifistisch orientiert, und ein Bezug zum englischen CND-Movement (Campaign for Nuclear Disarmament = Bewegung zur nuklearen Abrüstung) ist evident. Dabei war es weitgehend eine Sommerbewegung, da man das Leben auf der Straße und im Freien vorzog. Im Winter blieb oft nur der Rückzug in gewohnte Bindungen oder der Trip nach Italien oder Spanien. Der Gammler strebte nach Individualität abseits der kapitalistischen Massengesellschaft, aber indem sich die Gammelei als Massenphänomen etablierte, war es natürlich um die Individualität geschehen.  Die Tatsache, dass 82 Prozent der Gammler aus der Mittelschicht, 11 Prozent aus der Oberschicht und nur 7 Prozent aus der Unterschicht stammten[10], macht deutlich, dass hier eine bewusste, auch intellektuelle Abkehr von der Gesellschaft erfolgt war. Interessant ist ferner, dass der intellektuell geprägte Gammler sein Tun damals sehr wohl als Übergangsstadium in eine andere, gesellschaftsnähere Lebensweise verstand, gleichzeitig aber die im Stadium der Ungebundenheit (nicht Freiheit) gemachten Erfahrungen als prägend für sein späteres Dasein erachtete.

 

In Bezug auf die Zahl der Jugendlichen insgesamt, war die Gruppe der Gammler jedoch klein und wie gesellschaftlich prägend diese Gruppe war, müsste einmal untersucht werden. Für die Massen von Jugendlichen, die sich der Beatszene zuordneten, ist zu unterstellen, dass sie offenkundig gesellschaftlich oder soziokulturell relevanter waren.  

 

"Die von den Älteren vertretenen Überzeugungen und Werte sind der Jugend nicht mehr selbstverständlich, sondern Anlass zum Zweifel, der sich mehr und mehr in einem oppositionellen Verhalten artikuliert[11]", schreibt Dieter Baacke 1967. Allerdings wurden keine Brücken zur Gesellschaft abgerissen, wie es die Gammler in letzter Konsequenz taten. Die Brücken rissen letztlich viele Eltern ein, wenn sie der neuen Jugendkultur intolerant gegenüberstanden und damit die Opposition erst möglich machten. Ob sie den Zugang zu ihren eigenen Kindern durch Verständnis und Teilnahme hätten erhalten können, mag dahin gestellt bleiben, denn Tenbruck zeigt, dass in den ausgehenden 50er Jahren die Familie und die um sie herum gelagerten Gruppen dysfunktional[12] wurden, sie verloren u.a. die "Macht über die Berufsentscheidung, die Karriere, die Ehewahl und die Form der Ehe ihrer Kinder,"[13] da sie nicht mehr über die angestammten sozialen und kulturellen Positionen verfügten.

 

Die Opposition der Jugendlichen in der westlichen Welt war international, und sie war zunächst auf den Freizeitbereich beschränkt, dort wurde ein kurzzeitiger Rückzug aus der Gesellschaft möglich. Und es waren vor allem der Wirtschaftsaufschwung und die daraus resultierenden finanziellen Mittel, die Jugendlichen zur Verfügung standen, die diesen Rückzug in die Freizeit ermöglichten. Laut Spiegel standen den Jugendlichen in der BRD 1967 23,8 Milliarden Mark pro Jahr zur Verfügung, bei 8 Mill. Jugendlichen ein nicht unbeträchtlicher Betrag. Von diesen 23,8 Milliarden wurden 4,8 Milliarden, d.h. mehr als 20% für Kleidung ausgegeben. 50% der Jugendlichen besaßen Plattenspieler und Radio. Und gerade der Plattenspieler machte Nachfolgeinvestitionen notwendig.

 

Es waren also die ökonomischen Grundlagen, die es ermöglichten, dass der Jugendliche "(…) den Beat als Zeichen einer Autonomie [empfand], einer vorübergehenden Befreiung von der Fremdbestimmung durch Leistung, Beruf, Aufstiegswünsche der Eltern"[14]. Die durch Kleidung und Konsum von Beatmusik erlangte Autonomie ist natürlich vordergründig und keine tatsächliche, d.h. die Kritik an der Gesellschaft wird durch einen kurzzeitigen Rückzug aus ihr gezeigt, doch mit dieser freiwilligen Abgrenzung ging nach und nach auch die Reflexion der von den Erwachsenen vorgegeben Normen und Verhaltensmuster einher. Was anfangs noch als Eskapismus, einer Flucht vor den "Ansprüchen einer auf Zweck-Mittel-Rationalität ausgerichteten, glück- und lustfeindlichen Arbeitswelt"[15] charakterisiert werden kann, entwickelt sich alsbald zur Reflexion der gesellschaftlichen Realität und der Kritik eben daran.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Parallele zu dem 1901 vom Berliner Schüler Karl Fischer gegründeten „Wandervogel-Ausschuß für Schülerfahrten e.V.“, den wir gemeinhin als Wandervogelbewegung kennen. Die Wandervogelbewegung war zunächst auf den Freizeitbereich beschränkt. Im Oktober 1913 wurde mit dem Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner eine Protestveranstaltung gegen die patriotischen Veranstaltungen des Kaiserreiches zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig abgehalten. Dieser Freideutsche Jugendtag formulierte dann die sogenannte Meißner-Formel: „Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortlichkeit, in innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.  Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle gemeinsamen Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.“ Damit wurde die Wandervogelbewegung eine politische, wie auch große Teile der Jugend in der BRD gegen Ende der 60er Jahre politisiert werden sollten. Die Parallelen genauer zu untersuchen, führt an dieser Stelle zu weit.

 

Die Jugendlichen in den Mittsechzigern begannen, sich nicht "nach den Gesetzen der Arbeitszeit, sondern nach der wachsenden Freizeit"[16] zu orientieren. Damit grenzten sie sich deutlich von ihren Elternhäusern ab, in denen die Freizeit erst allmählich den Stellenwert gewann, den sie später in der so genannten Freizeitgesellschaft haben sollte. Die sprachlose Opposition[17] der jugendlichen Beatfans, wie der Erziehungswissenschaftler Baacke sie bereits 1967 genannt hat, entwickelte "keine kulturspezifischen Differenzen zu den Elternhäusern"[18], deren Einstellungen und Normen wurden weitgehend übernommen, allein Vorlieben und Attitüden begannen sich zu unterscheiden. Und das ist kein Widerspruch zu oben, denn obwohl die Familie in ihrer Sozialisationsfunktion in die zweite Reihe trat, hatten die Jugendlichen noch kein alternatives Modell zur Verfügung und mussten sich so an tradierten Werten orientieren. Die Opposition führte noch nicht zum Abbruch der Kontakte mit sozialen und politischen Instanzen, dennoch bedeutete sie Emanzipation in einem Teilbereich. An dieser Stelle ist dann wieder interessant, dass sozial unangepasste Jugendliche das prozentual deutlichste Kontingent an Beatfans stellten. Es offenbart, welches Oppositionspotential in der Beatmusik gesehen wurde, und dass sie für einen gesellschaftlichen Außenseiter durchaus ein lauter Protest war, der sich gegen die bestehende Gesellschaftsordnung richten konnte, wenn keine eigenen Artikulationsmuster verfügbar waren.

 

Als 13jähriger kam ich mit der voller Stolz und im Tausch gegen 1 cm Haarlänge erworbenen Schlaghose in die Schule und wurde vom Klassenlehrer mit der Aussage begrüßt: Entweder Du oder die Hose! In dem Moment also, wo ein Jugendlicher gemäß der Vorgaben an modischer Beatbekleidung, d.h. in Jeans, damals Texas- oder Nietenhose genannt, Schlaghose, Rollkragenpulli oder Cordjacke am Arbeitsplatz oder in der Schule erschien, brachte er ein Element seiner Freizeitkultur in den hierarchisierten und ritualisierten Prozess des Lernens oder der Werktätigkeit ein. Er symbolisierte gleichsam durch sein Äußeres Ungehorsam, Verweigerung, Renitenz. Sein Vorgesetzter würde sich angegriffen fühlen, dieses als Widersetzen, als Opposition empfinden. Ähnlich verhielt es sich mit den Haaren – es war weniger das Aussehen an sich, das oft unterstellte (d. h. vorgeschobene) Weibische, es war die Missachtung tradierter Organisationsstrukturen im zwischenmenschlichen Bereich, die als anstößig empfunden wurden. Trug ein Jugendlicher lange Haare im Beisein seiner Eltern im Freizeitbereich, beispielsweise bei einem Sonntagsausflug, so wurde es als ein Verstoß gegen die Norm empfunden, als Verweigerung gewachsener sozialer Rituale. Wie die Verweigerung des Handschlags bei der Begrüßung.  Als Reaktion auf diese Verweigerung erschallte nicht selten der Ruf nach Arbeitslager, Heimerziehung und der Person, die Charlie Chaplin so wunderbar karikiert hat.

 

"Implizit berührten diese Verstöße gegen die Kleiderordnung auch die nach dem 2. Weltkrieg frisch erworbene gesellschaftliche Identität – sie stießen den Erwachsenen (…) zurück in eine Welt", in der er nicht zu zählen schien: "Sieh, jetzt hast du dich viele Jahre gemüht, etwas zu sein, und nun bist du schon wieder nichts mehr![19] Jugend als Stadium der Transformation, als Übergang in die Welt der Erwachsenen wurde mit all seinen kurzzeitigen Deformationen akzeptiert, aber der Prozess sollte dahin gehen, dass  die "Sicherung der Kontinuität von Kultur und Gesellschaft"[20] gewährleistet war. Dies schien vielen Erwachsenen nun in Frage gestellt zu sein.

 

"In dem Maße wie Eltern im Angesicht des gewonnenen Selbstbewußtseins und der Autonomie der Jugendlichen die Mittel fehlten, gegen diese Verstöße vorzugehen, ohne in Aggression zu verfallen oder sie verbal immer wieder vergeblich einzuklagen, vergrößerte sich die Distanz zwischen den Generationen."[21] Im Kontext der Beatmusik hatte der Jugendliche Möglichkeiten, zwischen sich und den Erwachsenen Barrieren zu errichten, wann immer er es wollte. So mag die Tatsache, dass das Interesse an der Beatmusik vor allem bei Gymnasiasten ausgeprägt ist, während Lehrlinge und die "arbeitenden Jugendlichen sich eher der Welt der Erwachsenen zuordnen und das Interesse an der Beatmusik schnell nachlässt"[22], diese Annahme nur stützen.

 

Weil der Kontext der Beatmusik kein Programm mit festgeschriebenen Regeln war, eignete er sich als Experimentierfeld für Abgrenzung und konnte somit Grundlage für artikulierte, gerichtete Opposition sein. Die Tanzstunde, damals nicht unbedingt das Zentrum des Interesses der Beatjugend, war genau das Gegenteil: dort wurde eindeutiges Rollenverhalten gefordert, Unterwerfung unter Anstandsregeln und das Befolgen exakt vorgegebener Schrittmuster.

 

Trotzdem wurde das Rollenverhalten z.B. der Mädchen von den opponierenden Jungs nicht in Frage gestellt. Es war die Zeit der gekürzten Röcke, nicht aber der Emanzipation. Als Beispiel für die Lage um die weibliche Emanzipation mag dienen, dass in Peters Gaststätten in Esens während der Pause eines German-Bonds-Auftritts im Februar 1968 zwei "weibliche Beatniks"[23] Garn aufrollen mussten. Sie wurden zur 'besten Hausfrau vom 18. Februar 1968' gekürt.

 

Ich habe es selbst immer wieder gelesen und gehört, wie Jugendliche im Kontext Beatmovement herabgemindert wurden zu einer tumben, dem Affen ähnlichen Meute, die allein der Nachsicht des Therapeuten wert ist. Ein Beispiel:

„(Die jungen Leute) begannen die Tanzfläche zu füllen, und diejenigen, die dort keinen Platz mehr bekommen hatten, bearbeiteten mit Flaschen und Fäusten die Tische im Takt der heißen Melodien. Die jungen Gäste kauften die Schau ab und quittierten die Darbietungen mit hektischem Jubel. Junge Leute fielen in weltentrückte Verzückung. Von den Rängen erscholl das unartikulierte Gebrüll vorweltlicher Steinzeitmenschen...“ berichtet die Mendener Zeitung am 19.10.65 über eine Beatveranstaltung. Damit wird ihnen kritisches Bewusstsein abgesprochen, ihr Verhalten auf das eines ADS-Kranken reduziert. Ihre weltentrückte Verzückung deutet auf urteilslose Unterwerfung hin. Sie sind primitiv, wie die Steinzeitmenschen, und ihr unartikuliertes Gebrüll entspricht dem von Geisteskranken. Welch' unsägliche Diskriminierung wird hier artikuliert, und das aber hochgeistig mittels des archaischen Imperfekts von erschallen - erscholl statt erschallte.

 

Es gibt keine Untersuchungen, die schlüssig aufzeigen, was die Jugendlichen zur Zeit der Beatära bewegte. Auch ich kann es rückblickend für mich selbst nicht mehr sagen. Ich war beseelt von einer Liebe zu dieser, für mich neuen Musik, und Musik, nicht allein Beatmusik, sollte ein wichtiger Faktor in meinem Leben werden. Damals wurden die Grundsteine gelegt, obwohl ich durchaus zaghaft mit eher schlagerhafter Musik von Trini Lopez und Cliff Richard und Elvis angefangen war. Nach den ersten Erfahrungen mit konsequenten Rock 'n' Rollern kam dann das eigentliche Initiationserlebnis: die erste deutsche Rolling Stones-Single. Ich hatte bereits tüchtig die Beatles konsumiert, als ich dieses 5-Köpfe-Cover im Kaufhaus Merkur sah,  welches eine hinreichende Theke mit Platten besaß. Die dort abgebildeten Herren schienen mir dermaßen gegen alle Normen zu verstoßen, dass ich gar nicht anders konnte als a) die Platte unmittelbar zu kaufen, b) ihnen spontan einen unmittelbaren, wichtigen Impetus für meine eigene Sozialisation zuzuschreiben.

 

Mein Aussehen sollte entsprechend meiner Peergroup sein, zu dieser zählten auch The Rolling Stones, und in der Rückschau muss ich sagen, dass mir die damals angesagte Kleidung als Abgrenzung gegenüber dem Aufzug meines Vaters auch gefiel. Meine Liebe zu Schlaghosen habe ich bis heute nicht ablegen können, und würde mich nicht eine Allergie plagen, trüge ich noch, wie Jahrzehnte lang, Rollkragenpullis. Und dies geschieht nicht, weil es, wie für viele andere, "meine große Zeit" war, denn ich bin musikalisch als auch politisch nicht in den 60ern stehen geblieben.

 

Damals empfand ich es als positiv und verstärkend, dass meine Eltern nicht mochten, wie ich mich gab, denn ich wollte anders sein als sie. Ich schätzte ihr doch recht eintöniges Leben nicht. Also widersprach ich – zunächst non-verbal und rein äußerlich. Wie andere Jugendliche auch, übte ich mich in Widerstand, ohne aber wirklich die Welt verbessern zu wollen, während die Animals "I'm Going To Change The World" sangen.

 

There’s one thing I’ve got to say
There’s got to be some changes made
No more black or white
No more left or right

 

I’m gonna change the world, baby
I’m gonna change the world, yeah!
I’ll switch the wrong to right
You can bet your life, baby, bet your life


-und eine wichtige Zeile noch –

 

Forget about what your folks told you
Make up your mind just what you wanna do
 


Noch fühlten wir es mehr, als dass wir es verbalisieren konnten. So wurde die Welt der Erwachsenen weniger kritisiert als ignoriert, weil noch kein konkret benennbares Gegenmodell vorhanden war. Wir suchten nach Mitteln des Selbstausdrucks, nicht nach Kommunikation. Der zweite Schritt konnte nicht vor dem ersten gemacht werden. Während Albert Schweitzer, fern und unerreichbar, als intellektuelles Vorbild für Gymnasiasten dienen mochte, wurden Rolling Stones und Beatles für alle zu erreichbaren Idolen, deren Nähe zur eigenen Lebenswelt, auch durch ihre Jugend, ihre Kessheit, den Erwachsenen eine lange Nase zu zeigen, und ihrer Fehlbarkeit in Bezug auf Sitte und Moral der eigenen Person entsprach und deren Status als Popstars suggerierte quasi: Das könnte ich sein. 

 

Bald, nach dem berühmten "Summer of Love" (1967) artikulierte sich die sprachlose Opposition, angeleitet durch die Studentenbewegung. Und ich kann mich erinnern, wie ich damals, als Lehrling in einem graphischen Betrieb, an Lehrlingsversammlungen und Berufsschülertreffen teilnahm, wo unser Unmut über die miese Entlohnung und die Arbeits- und Berufsschulbedingungen geäußert wurde und in ersten Forderungen resultierte. Aus den "Verhaltensformen" erwuchsen "Einstellungsnormen"[24]. Eine frühe Ausprägung dieser veränderten Einstellungsnormen war auch in Deutschland die Hinwendung und Akzeptanz von Protestsongs, Barry McGuires "Eve of Destruction" beispielsweise, aber auch Abi und Esther Ofarim. Selbst deutsche Bands versuchten sich in diesem Medium. Ich denke da an The Kents, die 1966 "Morgen kann die Welt schon vernichtet sein" sangen, und dies bewusst auf deutsch, weil ihnen die Botschaft zu wichtig war, oder aber The Kingbeats mit ihrem Antikriegs-Lied Hear What I Say.

 

Interessant wäre es zu erforschen, was die Jugendlichen in der Beatära einte, denn im Freizeitbereich werden die alten Unterscheidungen von Bourgeoisie und Arbeiterklasse obsolet, es tritt das ein, was Jean-Luc Godard als "Kinder von Marx und Coca-Cola" verstanden hat. Auch in meiner Clique gab es Postboten, Elektrikerlehrlinge, Realschüler, Gymnasiasten. Im Kontext des Beaterlebnisses erfuhren wir Jugendlichen eine intrinsisch bedingte Solidarität, die unter anderem auch die durch die Nähe zu den Bands verstärkt wurde. Die Nahbarkeit der Stars - ein Erinnerungsfoto und ein Besuch im Backstagebereich waren immer möglich - verstärkte dieses Wir-Gefühl, das sich äußerlich in Kleidung und Frisuren manifestierte. Die erfahrene Solidarität der Gruppe war wichtig, doch während in England bereits Abgrenzung gegenüber Teilgruppen aus der großen Gruppe der Beatfans begann (man nehme das berühmte Beispiel Mods vs. Rockers), trat in der BRD diese Unterteilung in Subgruppen erst nach 1967 auf. Musikalisch war die Beatära die Zeit der Entdeckungen, jedoch nicht aus reiner jugendlicher Unerfahrenheit heraus, sondern weil alle vier Minuten etwas musikalisch Neues erfunden wurde. Wie diametral entgegengesetzt sind

            The Hollies      -       The Yardbirds

-           The Walker Brothers      -     The Troggs,     


und doch gehören alle dem gleichen Genre an. Heute würden alle diese Bands einen eigenen Musikstil begründen. Solch Extreme wie Funny How Love Can Be (The Ivy League) und You Got What I Want (the Sorrows) existierten 1965 einträchtig nebeneinander, interessanter Weise in diesem Fall sogar bei dem gleichen Plattenlabel.

 

Nicht allein im Publikum mischte sich der Arztsohn mit dem Maurerlehrling, auch die Bands setzten sich oft aus Mitgliedern der verschiedenen Schichten zusammen, und was im Rock 'n' Roll seinen Beginn erfahren hatte, setzte sich in der Beatzeit fort: die Entwicklung einer Teenagersprache, die allen gemeinsam und zum ersten Mal mit Anglizismen durchsetzt war. Dass die Trennung zwischen den Jugendlichen aus Arbeiterhaushalten und Bildungsbürgerfamilien bald wieder akut wurde, lag daran, dass sich die Opposition zum Teil intellektualisierte. Aber für eine kurze Zeit existierte uniform das, was man als Popkultur bezeichnen könnte: Musik, Mode, Medienverhalten, Literatur- und Kunstinteresse sind recht eindimensional auf bestimmte Phänomene gerichtet. Heute würden sich Tourneen mit so unterschiedlichen Musikern wie Chris Andrews, The Rainbows, The Walker Brothers, The Three Musketeers und The Kinks nicht mehr durchführen lassen. Damals konnten die stilistisch divergenten, sicherlich unterschiedliche Präferenzen befriedigenden Musikstile nicht verhindern, dass das Publikum harmonierte. 

 

Beatsprache war, siehe The Kents, eigentlich Englisch. "Deutsch war etwas für Schlageraffen", sagte Uli Günther, der Sänger der Lords, und wenn man noch so radebrach und sich beim 'th' schwer tat, es musste Englisch sein.

 

Ich ertappe mich heute noch dabei, dass ich in der Konversation auf Englisch Phrasen benutze, die ich aus Songs gelernt hatte: "to take my troubles down to sb." kannte ich aus Love Potion No.9 von den Searchers, die sangen "I took my troubles down to Madame Ruth, you know, that gypsy with the gold-capped tooth". Andere Beispiele wären "to work like a dog" aus A Hard Day's Night oder 'the table's turning now' aus It's All Over Now von den Rolling Stones. Dabei waren die Texte der Beatsongs, ungleich des Schlagers, keineswegs beliebig, wenn auch in Deutschland dieses nur von Real- oder Oberschülern realisiert wurde. Sie gingen sehr schnell über das Boy-meets-girl-and-falls-in-love-Schema hinaus und bekamen kritische Unter- und auch Obertöne: "Man sits in his DB5, hasn't got to care" (Da sitzt der Kerl in seinem Aston Martin und muss sich keine Sorgen machen) sangen The Pretty Things in Lsd (übrigens kein Drogensong, sondern Kapitalismuskritik).  Ein anderes Beispiel wäre What Have They Done To Rain? – ein sehr populäres Lied gegen Atombombentest, im Original von Joan Baez – in Europa vor allem bekannt durch The Searchers: 

      Just a little boy standing in the rain

      The gentle rain that falls for years

      And the grass is gone, the boy disappears                             

      And rain keeps falling like helpless tears                            

      But what have they done to the rain

 

Über Seinsverlorenheit reflektieren die Beatles in Nowhere Man:

      Doesn't have a point of view,
      Knows not where he's going to,
      Isn't he a bit like you and me?

 

Die Frustrationen, die ein Jugendlicher zu erleiden hat, werden von der Downliners Sect mit viel Charme (und mächtig musikalischer Power) zum Ausdruck gebracht. "I'm in love with a dolly named Glendora, she lives in the window of a big department store". Was man für Exzentrik hält, entpuppt sich - im wahrsten Sinne des Wortes - als Schaufensterpuppe.

 

Und ein ganz wunderbares Beispiel für gegensätzliche Positionen findet sich bei den Rolling Stones in Get Off Of My Cloud. Das Telefon klingelt, und ein Mann schimpft: "It's three a.m., there's too much noise, Don't you people ever wanna go to bed? Just 'cause you feel so good, do you have To drive me out of my head?" (Es ist drei Uhr morgens, und es ist viel zu laut. Nur weil ihr Euch gut fühlt, müsst ihr andere doch nicht zum Wahnsinn treiben.) Der ganze Generationenkonflikt in 4 Zeilen. Der Neid der Erwachsenen auf eine sich gut fühlende, sich austobende Jugend, und ihre Reaktion mit Repression.

 

Die Texte haben etwas mitzuteilen, sie bestimmen ein Gefühl des Nichteinverstandenwerdens, der Mißbilligung, gerichtet gegen die Erwachsenen. Natürlich waren nicht alle Texte inhaltsvoll, deshalb mochte ich zum Beispiel die Troggs nie: "I want to spend my life with a girl like you, bababababaa bababababaa". Schrecklich. Das hätte auch Rex Gildo singen können, auch wenn wir im Nachhinein wissen, diese ironische Bemerkung sei mir hier gestattet, dass er es nicht so gemeint hätte.

 

Beat war nach den Vorstellungen der meisten Jugendlichen unbelastet von Musiktraditionen. Nun wenigen war klar, dass ganz konkret amerikanische Musikgeschichte aufgegriffen wurde. Gleichzeitig konnte man den Beat nicht studieren; ein Theoretisieren war damals noch unmöglich, und die kläglichen Versuche eines Musikprofessors in der Jugendfernsehsendung "Wir im Scheinwerfer" waren nur dazu angetan, uns zum Schmunzeln zu bringen. Durch diese fehlende Verwissenschaftlichung hielt die Beatmusik gegen Angriffe von Außen stand, war also ideales Rückzugsgebiet für opponierende Jugendliche. Theoretische Auseinandersetzungen von Außenstehenden gab es kaum und waren, wenn es sie denn gab, von falschen Voraussetzungen bestimmt und leicht aus den Angeln zu heben.

 

Gleichzeitig ist die Musik durch die Lautstärke wie ein Panzer, der sich gegen die Erwachsenen stellt. Da macht es keinen Unterschied, ob der Viervierteltakt dominant ist, oder der Dreivierteltakt, wie beim Walzer. Wichtig dagegen ist, weil die Erwachsenen es nicht goutieren, dass die Harmonik bestimmend wird. Der Schlager hatte seine Betonung auf der Melodie, bei der Beatmusik wird die Harmonik von der dienenden Funktion befreit und der Melodik gleichgestellt, oft sogar vorgeordnet.

 

Beat ist immer wieder mit Erotik in Zusammenhang gebracht worden, infolgedessen die Attraktivität so groß gewesen sein soll. Aber der Kontext Beat beinhaltet nicht mehr Erotisches als andere Lebensbereiche auch. Natürlich konnte der Sänger einer Band zur Sublimation dienen, aber die Möglichkeit ergab sich auch in anderen Lebensbereichen. Und dass die Beatclubs Zonen erotischer Exzesse waren, kann nicht konstatiert werden. Meine Erfahrungen und die Erfahrungen all der befragten Zeitzeugen sowie die wenigen zeitnahen Untersuchungen beweisen das Gegenteil. Ein Schützenfest war schlimmer. Es mag der Fantasie und dem erotischen Wunschdenken einiger Erwachsener (auch Journalisten) entsprungen sein, wenn sie Exzessives mit dem Jugendtanz verknüpften. Tatsache ist es nicht. Oswald Kolle hat auf das Sexualverhalten der Deutschen mehr Einfluss ausgeübt, als die Summe aller Beatbands. Auch einen Geschlechtertausch oder Rollentausch in die Langhaarfrisuren für Jungs und die Hosen mit Kellerfalten für die  Mädels zu interpretieren, ist nicht statthaft. Sie waren Modeerscheinungen und keine bewussten Abweichungen von den Geschlechterrollen.


Immer wieder las man in der Presse, dass sich Jugendliche beim Konzert dem Musikrausch unterwarfen, und natürlich ermöglicht Lautstärke rauschartige Erlebnisse, das wissen wir, und durch die Lautstärke kann eine Band, auch wenn sie untalentiert ist, totale Präsenz erlangen. Dahin muss das Streben einer jeden Band gehen, alles andere wäre als Motivation nicht akzeptabel. Dass Lärm überdies vergnügungssteuerpflichtig gemäß Artikel 2 VgnStG ist, erfuhr der Veranstalter Karl Buchmann nach einem Rolling-Stones-Konzert in im Zirkus-Krone-Bau München 1965. Während Konzerte sonst von der Vergnügungssteuer befreit waren, wurde Buchmann zur Kasse gebeten. Nicht allein das "showartige Gebahren" [sic!] und "die artistischen Beigaben" der Rolling Stones wurden angeführt, sondern auch folgendes: "Durch zahlreiche elektrische Tongeräte wird die Musik in dem Maße verstärkt, daß sie des Charakters der Musik im üblichen Sinne weitgehend entkleidet [ist] und schier als Lärm erscheinen lässt." Macht 14.158 Mark[25].

Dass die Lautstärke irgendwann Schmerzgrenzen erreichte, war logisch, aber dann wurde es für viele unattraktiv und nur für die attraktiv, die nach Betäubung suchten.   



[1] Comes, Albert, "Beat – Ausdruck eines 'realistischen Bewußtseins'", unveröffentlichter Vortrag am Institut für Soziologie, Unversität des Saarlandes, 1973, S.14

[2]  Schwendter, Rolf, Theorie der Subkultur, Frankfurt a. M. 1981, S. 11

 [3] (Bericht der Bundesregierung über die Lage der Jugend und die Bestrebungen auf dem Gebiet der Jugendhilfe vom 21. Juni 1965, Drucksache v/302), d.h. fast eine Verdoppelung innerhalb von 2 Jahren.

[4] Baacke, Dieter, Beat – die sprachlose Opposition, München, 1967, S. 174

[5] ebd., S. 176

[6] Zitiert bei Baacke

[7] Baacke, a.a.O., S. 185

[8] Obeling, Rainer/Horst Mannel, Beatgeschichte(n) im Revier, S.51

[9] Hollstein, Walter, Der Untergrund –Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen, Neuwied und Berlin, 1969, S.38

[10] Hollstein, a.a.O., S.42

[11] Baacke, a.a.O., S.11

[12] Tenbruck, Friedrich H., Jugend und Gesellschaft, Freiburg im Breisgau, 1962, S.69

[13] ebd.

[14] Baacke, a.a.O., S.14

[15] Seuss, Jürgen, Gerold Dommermuth, Hans Maier, Beat in Liverpool, Frankfurt/M., 1965, S.7

[16] Baacke, a.a.O., S.27

[17] ebd., S.29

[18] ebd., S.22

[19]Hans-Jürgen Klitsch, Shakin' All Over – Die Beatmusik in der Bundesrepublik Deutschland 1963 - 1967, Erkrath 2001, S. 62

[20] Tenbruck, a.a.O., S.13

[21] Klitsch, a.a.O., S.62

[22] Baacke, a.a.O., S.183

[23] Harlinger Anzeiger, 20.2.68

[24] Baacke, a.a.O., S.24

[25] Coordes, Gerd, Wolfgang Thomas, The Rolling Stones Over Germany, Siegen, 1998, S.44