Break on through to the other side - Tanzschuppen, Musikclubs und Diskotheken der 60er, 70er und 80er Jahre in Weser-Ems


...eine Ausstellung im Schlossmuseum Jever vom 1. September 2007 bis auf weiteres.

 

„Die Ausstellung darf nie enden, dann ist diese Zeit endgültig vorbei“ – so lautet ein Eintrag in das Gästebuch zur Ausstellung „Break on through to the other side –  im Schlossmuseum Jever, die seit September 2007 mehr als 70.000 Besucher gesehen haben. Ähnliche Äusserungen und entsprechende Bitten sind immer wieder zu hören. 


Meta, Beatschhuppen und Discotheque in Norddeich

 

Dabei war das Projekt mit Blick auf Ausstellung und Katalog in dem eher bescheidenen Sinne angetreten, einige bisher unbeachtete Aspekte der regionalen Jugend-, Freizeit- und Unterhaltungskultur zu dokumentieren. In den Blick genommen wurden mit den Tanzschuppen, Musikclubs und Diskotheken Einrichtungen der 60er bis 80er Jahre, die für Tausende von vor allem, aber nicht nur Jugendlichen auch der hiesigen Region so etwas wie eine „andere Seite“ ihres ganz normalen Alltags darstellten und heute zunehmend in Vergessenheit geraten. Neben der Beatkultur mit ihren Bands und den Tanzschuppen stehen insbesondere diejenigen Diskotheken im Vordergrund, die der Rockmusik als einer zentralen Form der populären Musik des 20. Jahrhunderts verbunden waren: die Szene- oder alternativen Diskotheken, die auch im Gebiet zwischen Weser und Ems seit den ausgehenden 60er Jahren entstanden. Zu den Lokalitäten, die porträtiert werden, gehören z. B. das schon fast legendäre Meta (Norddeich), das Whisky a gogo (Wittmund), das Old Inn (Aurich), das Alte Fehnhaus (Ostgroßefehn), der Newtimer (Zetel) oder das Tiffany, der Etzhorner Krug, das Ede Wolf, das Renaissance (alle Oldenburg) sowie die Scala und das Charts (Oldenburger Münsterland). 


You got me rockin' and rollin'

 

Was Ausstellung und Katalog bieten, ist ein facettenreiches und durchaus eindrückliches „Bild“ der jugendkulturellen Praxis der heute etwa 45bis 65jährigen, die sich um das Medium der Beat- und Rockmusik herum entfaltete. Kristallisationspunkte dieser Praxis waren die Orte, an denen im Zusammenspiel von Musik und Licht, von Interieur und Besuchern im günstigen Falle nächtliche Gesamtkunstwerke entstanden, ästhetisch verdichtete Erfahrungsräume, die ausserhalb einer ansonsten reglementierten und durchorganisierten Welt zeitweise Grenzüberschreitungen möglich machten, sei es im Ausagieren beim Tanz, in der Hingabe an die auditiven und visuellen Eindrücke oder auch im risikobehafteten Umgang mit den verschiedenen Drogen.


Beat-Kleidung - richtig! Meine Jacke hängt ganz rechts, aber der Rauch aus dem Beatkeller ist nicht mehr zu riechen... schade eigentlich.

 

In der Ausstellung spielt Musik selbstredend eine zentrale Rolle. So kann sich der Besucher z. B. die von Hans-Jürgen Klitsch zusammen getragenen mehr als 20 Live- und Studioaufnahmen diverser Beatbands der Weser-Ems-Region aus den 1960er Jahren anhören. Die Aufnahmen, als echte Entdeckung selbst in der einschlägigen Beat-Szene weitgehend unbekannt, sind auch als CD zu haben.


Eine Galerie der Beatbands in der Region


Ein Info-Terminal mit einer Musik-Auswahl, die von Diskjockeys nach ihrem damaligen Programm zusammengestellt wurde, macht Begegnungen mit dem (rock)musikalischen Horizont der Zeit möglich. So werden Titel zu hören sein nach Otto Sell's "Playlist" aus dem Ede Wolf (Oldenburg), aus den Top 100 der Scala (Lastrup) nach Wolfgang Schönenberg und eine Auswahl von Rainer Urbschat aus dem Mehrsparten-Programm des Renaissance (Oldenburg).

Aus der Top 10 der Scala in Lastrup

 

Ungewöhnliche Persönlichkeiten und zum Teil skurrile Protagonisten prägten die Lokale und Diskotheken jener Jahre. In einer Reihe von Interviews, die als Film in der Ausstellung zu sehen und jetzt auch als DVD erhältlich ist, kommen viele Zeitzeugen zu Wort. Emil Penning (Tiffany), Manni Dieks (Ede Wolf), Otto Sell (DJ) und Rio de Luca (Whisky a GoGo), Sven Rogall (Meta) sowie Wolfgang Schönenbergs Mutter und Nachlassverwalterin erzählen aus ihrem Leben in und mit der Disko und verleihen dem Thema mit ihrer plastischen Authentizität eine weitere Dimension.

In vielen Diskotheken liefen so genannte Lightshows, die den Hörgenuss und die Wirkung der Musik noch intensivieren konnten und manche Lokalität durchaus zu einem "Gesamtkunstwerk" werden ließen. Für die Ausstellung wurde eine solche Lightshow mit den damals verwendeten Projektionsgeräten aufgenommen.

Neben der Musik spielen Kleidungsverhalten und die modische Ausrichtung eine Rolle, an deren Ausformung die Diskotheken einen Anteil trugen. Subtiler dagegen zeigte sich der Einfluss auf die Kommunikationsformen oder auch die Körperlichkeit mit "cooler" Gestik, Mimik und Pose. Und natürlich stehen viele Diskotheken auch für einen lockeren und ungebremsten Umgang mit Drogen aller Art, zum Beispiel in Form von Alkohol, Haschisch oder synthetischen Substanzen.

Kaleidoskopartig präsentiert die Ausstellung anhand von Bild- und Musikmaterial, von Objekten und Archivalien diese Aspekte und ermöglicht so einen durchaus sinnlichen „Einblick“ in eine nicht weit zurück liegende aber zuweilen schon fast vergessene Zeit der kleinen Revolten.

Zu sehen ist die Ausstellung im Schlossmuseum Jever: Dienstags bis Sonntags 10 bis 18 Uhr (Juli und August auch Montags)

...weitere Informationen: 04461-969350 oder Schlossmuseum


Die Ausstellung wird durch einen Katalog begleitet: 

 



Inhaltsverzeichnis:

Peter Schmerenbeck
"Break on through to the other side". Tanzschuppen, Muikclubs und Diskotheken im Weser-Ems-Gebiet in den 1960er, 70er und 80er Jahren



9

Susanne Binas-Preisendörfer
"Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein ..." Populäre Musik als lokale kulturelle Praxis


19

Fred Ritzel
"Die Rock`n Roller wollten wir hier nicht haben!" Über das Verhältnis von Jazzfans und Rockfans in den 50er Jahren in Oldenburg


29

Hans-Jürgen Klitsch
Beat Beat Beat. Vor uns war Krieg


47

Werner Jürgens
Progressive Klänge von der Waterkant. Tanzschuppen und Diskotheken in Ostfriesland


63

Wolle Willig
Alles Zufall ... Progressive Diskotheken in Wilhelmshaven und Friesland


95

Wilfried Wördemann
"Lieber lebendig als normal". Progressive Musikclubs und Diskotheken in Oldenburg in den 1960er/70er/80er Jahren. Eine Spurensuche


103

Klaus Modick
Ein Firmenschild

135

Gisbert Wegener
Die Scala. Von Hamlet bis Hendrix - vielleicht nur träumen


139

Gisbert Wegener
Klänge und Visionen. Musikclubs und alternative Diskotheken im südlichen Weser-Ems-Gebiet


169

Michael Clemens
Hier konnte auch vorgeführt werden, was man in der Tanzschule gelernt hatte. "Nichtprogressive" Tanzlokale und Diskotheken in den 60er und frühen 70er Jahren auf der ostfriesischen Halbinsel


189

Maria Diederichs-Bolsenkötter
Protest und Kommerz. Jugendmoden der 1960er und 70er Jahre


201

Thorsten Pöschk
Die Technik macht die Musik

209

Otto Sell
"Spiel mal was Anständiges!" Als DJ im Oldenburger Land unterwegs


221

Anhang: Übersichtskarten der näher betrachteten Diskotheken in der Weser-Ems-Region, Autoren des Katalogs, Literaturverzeichnis

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